Der Weltfrauentag ist kein Gedenktag, der von oben verordnet wurde. Er wurde erkämpft – von Frauen in Fabriken, auf Straßen, in Parlamenten und Gefängnissen. Seine Geschichte ist die Geschichte der Frauenbewegung selbst: widersprüchlich, vielstimmig, unfertig.
Was als Arbeitskampf begann, wurde zur politischen Forderung. Was als westliches Phänomen galt, ist heute ein globales Zeichen. Und was einst Revolution war, ist nun Pflicht: die Erinnerung daran, dass Gleichberechtigung kein Geschenk, sondern eine Errungenschaft ist.
15.000 Frauen gehen auf die Straße
Am 8. März 1908 demonstrieren rund 15.000 Textilarbeiterinnen in New York City. Ihre Forderungen: kürzere Arbeitszeiten, bessere Löhne und das Wahlrecht. Der Marsch durch die Lower East Side markiert einen der ersten organisierten politischen Aufmärsche von Frauen in den USA und legt den Grundstein für einen internationalen Aktionstag.
Clara Zetkin schlägt einen internationalen Tag vor
Auf der Zweiten Internationalen Sozialistischen Frauenkonferenz in Kopenhagen stellt die deutsche Sozialistin Clara Zetkin den Antrag, einen jährlichen Internationalen Frauentag einzuführen. Über 100 Frauen aus 17 Ländern stimmen einstimmig zu. Ein konkretes Datum wird noch nicht festgelegt – doch die Idee ist geboren.
Erster offizieller Internationaler Frauentag
Am 19. März 1911 wird der erste Internationale Frauentag begangen – in Deutschland, Österreich, der Schweiz und Dänemark. Über eine Million Menschen nehmen teil. Gefordert werden Wahlrecht, Arbeitsschutz und das Recht auf öffentliche Ämter. Eine Woche später ereignet sich das Triangle-Shirtwaist-Feuer in New York, bei dem 146 Näherinnen sterben – es wird zum Symbol für den Kampf um Arbeiterrechte.
Russische Frauen zünden die Revolution
Am Internationalen Frauentag – dem 23. Februar nach dem julianischen, dem 8. März nach dem gregorianischen Kalender – streiken Petrograder Textilarbeiterinnen und rufen zur allgemeinen Arbeitsniederlegung auf. Innerhalb von Tagen ist der Zar gestürzt. Dieser Aufstand gilt als Auslöser der Februarrevolution. Die Sowjetunion erklärt den 8. März später zum nationalen Feiertag.
Die UNO erkennt den Tag offiziell an
Im Internationalen Jahr der Frau begeht die UN erstmals offiziell den Internationalen Frauentag am 8. März. 1977 ruft die UN-Generalversammlung alle Mitgliedsstaaten auf, einen Tag für Frauenrechte und den Weltfrieden einzuführen. Der 8. März wird endgültig zum globalen Datum.
2010
Von Blumen zu Forderungen
In vielen postsowjetischen Ländern bleibt der 8. März ein romantisch-häuslicher Feiertag, an dem Frauen mit Blumen beschenkt werden. Im Westen hingegen rückt der politische Charakter wieder in den Vordergrund. Feministischen Gruppen gelingt es zunehmend, den Tag als Kampftag zurückzugewinnen – für Lohngleichheit, Reproduktionsrechte und den Schutz vor Gewalt.
#MeToo und der globale Generalstreik
Ausgelöst durch die #MeToo-Debatte und den Women's March ruft die Kampagne „A Day Without a Woman" zum globalen Generalstreik auf. Millionen Frauen weltweit nehmen teil. In Spanien streiken 2018 rund 5,3 Millionen Menschen – der größte feministische Streik der Geschichte. Der 8. März erlebt eine politische Erneuerung, die bis heute anhält.
Ein Tag, der noch nicht fertig ist
Mehr als ein Jahrhundert nach seinem Ursprung ist der Weltfrauentag so umstritten wie nötig. In über 100 Ländern ist er gesetzlicher Feiertag, in anderen ein vergessenes Datum. Während viele Erfolge gefeiert werden – mehr Frauen in Führungspositionen, mehr rechtlicher Schutz weltweit – bleiben Lohnungleichheit, Gewalt gegen Frauen und politische Unterrepräsentation globale Realitäten. Der 8. März erinnert: der Kampf geht weiter.
Wenn Frauen vorankommen, kommen alle voran. Es gibt keinen Fortschritt für die Menschheit, wenn die Hälfte der Menschheit zurückgelassen wird.
— Kofi Annan, ehemaliger UN-GeneralsekretärDer Weltfrauentag ist kein Museum. Er ist ein Spiegel: Er zeigt, wie weit die Welt gekommen ist – und wie weit noch zu gehen bleibt. In manchen Ländern werden Frauen an diesem Tag mit Blumen beschenkt, in anderen verhaftet, weil sie für ihre Rechte eintreten.